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"Deggindorf
cum decimis et usibus suis"
Vor tausend Jahren wurde Deggendorf erstmals urkundlich erwähnt
Beitrag
von meinem Schachfreund,
Stadtarchivar
Erich Kandler, dem ich recht herzlich dafür danke.
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Als
am 20. November des Jahres 1002 das Regensburger Frauenkloster
Niedermünster sich von König Heinrich II. seine Besitzungen bestätigen
ließ, befand sich darunter auch „deggindorf cum decimis et usibus suis“,
ein Dorf oder eine Ansiedlung, das dem Kloster „mit seinen Zehenten und
Nutzungen“ unterstand. Und so sollte es bleiben, bis 800 Jahre später im
Sturm der Säkularisation dieses Grundverhältnis gewaltsam aufgelöst
wurde. Freilich war Deggendorf schon damals nicht mehr nur dem
Regensburger Frauenkloster unterstellt. Auch die staatliche Gewalt
wollte an diesem wichtigem Übergang über die Donau vertreten sein.
Spätestens die Wittelsbacher waren an einer weltlichen Siedlung hier
interessiert und förderten diesen für sie militärisch und wirtschaftlich
strategisch günstigen Ort, der zwischen den geistlichen und
reichsstädtischen großen und bedeutenden Zentren Regensburg, Passau und
Freising für die herzoglich bayerischen Interessen stand.
Deggendorf entwickelte sich
gut unter der Obhut der Wittelsbacher Herzöge. 1316 bzw. 1320 wurde es
mit dem Stadtrecht ausgestattet und gehörte damit zu den wenigen
privilegierten Städten im „Unteren Bayern“. Zug um Zug wurden die Rechte
der Stadt erweitert, der Stadtrat zur Eigenverwaltung wurde konstituiert
und erweiterte sich schon bald, Bier durfte bereits 1333 gebraut werden,
als es im übrigen Herzogtum noch verboten war, Steuer- und
Zollprivilegien wurden vereinnahmt, eine eigene städtische Baukommission
eingerichtet und schließlich sogar der Stadtrichter selbst bestimmt und
dem Herzog nur noch zur Bestätigung präsentiert (1438).
Magistratsmitgliedern erlaubte der Herzog zur „Khurzweill mit dem
Waidtwerch“ den kleinen Jagdbann in einem bestimmten Bezirk seiner
Wälder vor der Stadt zu nutzen, und der Fischerei in der Bogen und dem
Kollbach nachzugehen. Überregionale Bedeutung erhielten schon bald die
großen Märkte wie der Kirschenmarkt, der Kalte Markt, der Nikolaimarkt.
Die Anzahl der Märkte wurde im Laufe der Zeit auf sieben erhöht und
diese stellten für Deggendorf ein wirtschaftliches Standbein dar.
Daneben bildeten die regelmäßigen Vieh- und Schrannenmärkte in
Deggendorf eine Drehscheibe des Handels zwischen Gäu und Wald
Traurige Berühmtheit
erlangte Deggendorf durch die Ermordung seiner Juden im Jahre 1338.
Dieses Ereignis, das Signal zu Judenpogromen in weiten Teilen
Süddeutschlands wurde, wurde später in die Legende von der „Deggendorfer
Gnad“ umgedichtet und erlangte als Wallfahrt Jahrhunderte lang Bedeutung
im weiten Umkreis bis nach Österreich und Böhmen hinein. Für Deggendorf
waren damit immense wirtschaftliche Vorteile verbunden, die durch den
Besuch von bis zu 140000 Wallfahrern entstanden. Auch der so genannte
„Gnadenmarkt“ entstand in diesem Zusammenhang, wozu nur Fieranten aus
Deggendorf zugelassen waren. Erst 1993 wurde diese auf falschen
Anschuldigungen beruhende und der Versöhnung zwischen Juden und Christen
im Weg stehende Wallfahrt abgeschafft.
Kulturgut, auf das die Deggendorfer noch
heute stolz sind, wuchs langsam aber sicher im Laufe der Jahrhunderte.
Die Anlage der Stadt als solche – das Oval des Stadtkerns mit den
repräsentativen Marktplätzen zwischen dem (nicht mehr erhaltenen) Oberen
Tor, dem Rathaus und der Grabkirche St. Peter und Paul, die in den
Jahren 1722 bis 1727 durch Baumeister Johann Michael Fischer einen Turm
erhielt, der den Deggendorfer Marktplatz zum Gesamtkunstwerk machte.
Das Rathaus, das Jahrhunderte lang die kommunale Verwaltung beherbergte
und jetzt zum Teil wieder so genutzt wird, das in seiner Architektur das
damalige bürgerliche Selbstbewusstsein besser wiedergibt als viele
wissenschaftliche Beschreibungen der Renaissance, und die erwähnte
Grabkirche, in der die verschiedensten Deggendorfer Handwerkszünfte ihre
Altäre aufgestellt hatten. Der so genannte „Bäckeraltar“ in seiner
schlichten Schönheit dient heute als Hochaltar.
Auch barocke
Meisterleistungen in der Kirche des Katharinenspitals, oder in den
beiden nahe gelegenen Wallfahrtskirchen Halbmeile und Unserer Lieben
Frau in Greising sind den Deggendorfern durchaus bewusst und werden mit
berechtigtem Stolz gerne Besuchern unserer Stadt vorgezeigt und in jedem
Verkehrsprospekt abgebildet.
Natürlich wurde die Stadt
Deggendorf nicht von den über Bayern hinweg ziehenden Kriegen,
Hungersnöten und anderen Katastrophen verschont. Auch hier wütete die
Pest, auch hier plünderten, mordeten und brandschatzten Schweden und
Panduren, Österreicher und Franzosen. Auch hier herrschte Hungersnot und
Verzweiflung. Noch heute erinnern Flurnamen, Straßennamen und Sagen an
diese schrecklichen Zeiten. Aber diese Erinnerungen gehören ebenso wie
die lebenslustigen, verspielten Putten in der Spitalkirche zum
geschichtlichen Erbe, das uns in Jubiläumsjahren wieder besonders
bewusst wird.
Grundlage dieser ererbten
Kunst- und Kulturgüter war die gute wirtschaftliche Situation, in der
sich Deggendorf durch die Jahrhunderte befand. Über die Donaubrücke, die
seit dem Jahre 1485 auf „Ruf und Widerruf“ von Herzog Albrecht IV in den
Besitz der Deggendorfer gelangt war, liefen hier Verkehrswege aus Gäu
und Wald zusammen. Märkte und Umschlagplätze für wertvolle Waren wie
Salz entstanden. Veredelnde Handwerksbetriebe, Handelshäuser und
natürlich viele Brauereien, Gasthöfe und Wirtshäuser sorgten mit ihrer
Wohlhabenheit für ein hohes Steuereinkommen der Stadt und schufen damit
die Basis für die Nachhaltigkeit damaligen künstlerischen und
architektonischen Wirkens.
Im Bereich der Bildung war
die Stadt Deggendorf ebenfalls schon früh für seine künftigen Bürger
tätig. Die erste Schule ist bereits 1444 am Steinweg bei der Propstei
erwähnt. Später gab es dann die Deutsche Schule – vergleichbar mit der
Grundschule, und als weiterführende Bildungsanstalt die Lateinschule.
Diese war im 16. Jahrhundert auf vier Klassen aufgeteilt. Als höchste
Bildungsziele gibt ein Lehrplan aus dieser Zeit die Verherrlichung
Christi und das öffentliche Wohl an. Aber auch Lesen, Schreiben, Latein,
Griechisch, die Kunst des Briefeschreibens, der Komposition und der
Gedächtnisübung wurden vermittelt. Wohlhabende Bürger begründeten
Stiftungen, die armen aber begabten Kindern den Besuch höherer Schulen
oder sogar der Universität ermöglichten. Inventarien, in denen die
Hinterlassenschaften Verstorbener akribisch aufgelistet sind, versetzen
immer wieder in Erstaunen, was in Deggendorfer Privatbibliotheken an
Büchern vorhanden war. Dass diese gelesen und deren theologische,
philosophische, juristische, und naturwissenschaftliche Inhalte
diskutiert wurden beweist die Bildung von freigeistigen Zirkeln. Ein
Aufsehen erregender Prozess unter Kurfürst Carl Theodor setzte diesem
suspektem Treiben ein Ende.
Dass das 19. Jahrhundert
tiefe Umbrüche bringen würde deutete sich bereits in den ersten Jahren
an. Im Frühjahr 1802 wurde die Auflösung des seit 1629 hier bestehenden
Kapuzinerklosters beschlossen, das dann trotz der Bitten und Einsprüche
des Magistrats und der Pfarrei Mariä Himmelfahrt mit der Transferierung
der 15 Patres und fünf Laienmönche am 11. Juni nach Altötting ein
abruptes Ende fand. Die Gebäude wurden kurzerhand an Privatleute
versteigert. Die ehemalige Kapuzinerkirche St. Michael ist heute
städtische Bühne für festliche Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte
und Festakte: Der Kapuzinerstadel - benannt nach dem Zweck, den die
ehemalige Kirche nach seiner Versteigerung hatte: Abstellraum,
Feuerwehrhaus, Turnhalle, Remise.
Und auch der Deggendorfer
Besitz des Klosters Niedermünster wurde nach über 800 Jahren bayerisch,
nachdem er zwischen 1803 und 1810 der kurfürstlich Erzkanzlerischen
Regierung des Freiherrn von Dalberg zugehörig gewesen war.
Das 19. Jahrhundert mit
seinen Modernisierungen brachte die Stadt immer wieder an den Rand des
finanziellen Ruins. 1822 vernichtete ein Stadtbrand mehr als die Hälfte
der innerstädtischen Bebauung, die Eisenbahn wurde nach Deggendorf und
weiter in den Bayerischen Wald hinein gebaut, die bisher hölzerne
Donaubrücke wurde unter erheblichen finanziellen Opfern während der
Jahre 1842 bis 1863 geplant und schließlich als eine stabile, eiserne
Brücke mit Steinpfeilern gebaut. In dieser Zeit wurden ein
Wasserversorgungsnetz durch Leitungen aufgebaut, die Stadtbeleuchtung
durch Unschlitt, Petroleum, Ölgas und schließlich durch Strom getätigt,
die Straßen erweitert und ins Umland hinein ausgebaut. Das Bildungswesen
wurde durch Errichtung verschiedener Schulen facettenreicher und
breiter. Andererseits führten einige dieser Investitionen dazu, das
Stadtbild aus heutiger Sicht negativ zu prägen: Die städtische Wehrmauer
mit Graben wurde aufgeteilt und an die Anlieger verkauft. Als Konsequenz
sind heute nur mehr ca. zwölf Meter zufällig überlieferte Stadtmauer
erhalten.Die Stadttore wurden als überholt entweder nach dem Stadtbrand
nicht mehr aufgebaut oder später als dem Verkehr hinderlich weggerissen.
Der Stadtgraben wurde aufgefüllt und als breite, repräsentative
Ringstraße zugepflastert.
Der Wille der Stadt sich zu
vergrößern, die Wohlhabenheit seiner Bürger zu fördern und für
wirtschaftliche Betriebe reizvoll zu sein setzte sich im vergangenem
Jahrhundert fort. Vor allem die Industrie wurde umworben und tatsächlich
wählten einige Betriebe Deggendorf als Sitz: Die bayerische
Hafenbetriebs-GmbH, die Deggendorfer Werft, die Sirius Werke. Die Stadt
trug mit verschiedenen Projekten dazu bei, für diese Betriebe günstige
Voraussetzungen und Strukturen zu schaffen, wofür nur die Erneuerung der
Donaubrücke 1927 und die Regulierung des Bogenbaches (1926 – 1929)
genannt werden sollen.
Nachdem in den letzten
Kriegstagen diese Betriebe schwere Zerstörungen erlitten hatten, machte
man sich nach Friedensschluss in einer Zeit rastloser Tätigkeit an den
Wiederaufbau. Arbeitsplätze wurden geschaffen, Wohnungen wurden
errichtet, die Versorgung der Bevölkerung und der vielen Flüchtlinge
musste gesichert werden. Nach fünf Jahren hatte man Zeit, stolz auf das
Geschaffene zurückzublicken: Eine Wirtschaftsschau in Verbindung mit der
„Zwölfhundertjahrfeier der Stadt“ bildete dazu den Rahmen, in der man
sich und das Erreichte feierte. Der zeitliche Anlass wurde aus der Zeit
der ersten archäologischen Funde im Raum Deggendorf und der Gründung der
beiden benachbarten Klöster Niederaltaich (741) und Metten (766)
abgeleitet.
Seither hat Deggendorf einen
enormen Aufschwung genommen. Mit der Ansiedlung der „Textilwerke
Deggendorf“ im Jahre 1958 – dem heute größte Arbeitgeber der Stadt –
angefangen, der Ausweisung mehrerer großzügiger Gewerbegebiete, mit der
Errichtung eines überörtlich bedeutenden Klinikums, mit der Schaffung
moderner Verkehrsstrukturen mit der Anbindung an den Münchner Flughafen,
mit dem erfolgreichen Kampf um den Freihafen Deggendorf und zuletzt mit
der Errichtung der Fachhochschule ist es der Stadt immer wieder gelungen
im Sinne seiner Ahnen zu handeln. Die Nachbarschaft zum Osten, die in
jüngster Vergangenheit Deggendorf zum benachteiligten Standort und
Fördergebiet machte, birgt jetzt und vor allem in der Zukunft große
Chancen auf allen Gebieten. Mit der Begründung von Partnerschaften im
Osten wurde bereits die Saat ausgebracht, die vielleicht nach mehreren
Generationen geerntet werden kann.
Diese wirtschaftlichen
Erfolge ermöglichen und verpflichten zum Engagement in der Gegenwart und
dies äußert sich auf kulturellem Sektor und auf dem Gebiet der Freizeit:
In der Einrichtung und Unterhaltung eines einmaligen „Kulturviertels“,
in der Aussetzung von Kulturpreisen, in der Bereitstellung von
Sportanlagen und Freizeitgebieten sowie der Organisation von
Bürgerfesten. Umgekehrt erhält die Stadt von seinen Bürgern die Freude,
dass diese Bemühungen anerkannt werden, wenn sie sagen:
Es ist schön, in
Deggendorf zu wohnen.
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